«Chemikalien im Wandel: Zwischen Kontrolle, Beratung und Zukunftsthemen»
Im Interview: Julia Engi im Gespräch mit Marco Fuss, Chemikalieninspektor
Fragen zur Person
Julia Engi: Lieber Marco, erzähle mir in wenigen Worten, wer du bist.
Ursprünglich komme ich aus Deutschland. Vor 14 Jahren bin ich nach dem Chemiestudium dann berufsbedingt in die Schweiz gekommen.
Wie legst du deinen Arbeitsweg zurück?
Je nach Jahreszeit und Wetter nutze ich für meinen Arbeitsweg das Fahrrad oder ich fahre mit dem Zug. Das kann ich sehr flexibel handhaben.
Steckbrief
Marco Fuss, Chemikalieninspektor

Werdegang: Chemiestudium an der Universität mit anschliessender Promotion, Arbeit in der Industrie
Berufsbezeichnung: Chemikalieninspektor
Hauptaufgaben im Job: Betriebskontrollen, Produktkontrollen
Besondere Fachkompetenzen: Chemikalienrecht
Berufliche Motivation/Leitgedanke: Verbraucherschutz
Arbeitsalltag
Erzähl mir von deinem Werdegang. Wie bist du zum Beruf als Chemikalieninspektor gekommen?
Nach meinem Chemiestudium mit Promotion arbeitete ich zehn Jahre lang in der Schweizer Industrie. Vor einigen Jahren wechselte ich dann zum Amt für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit (ALT) in der Funktion als Chemikalieninspektor.
Welche Ausbildung und Weiterbildung sind für deine Funktion heute besonders wichtig?
Neben den Grundlagen des Verwaltungsrechts ist das entsprechende Fachwissen in den verschiedenen Bereichen des Chemikalienrechts notwendig. Da die Schweizer Chemikaliengesetzgebung einerseits sehr dynamisch ist, laufend angepasst wird und sich darüber hinaus stark am europäischen Chemikalienrecht orientiert, ist es sehr wichtig, sich immer auf dem Laufenden zu halten. Das macht es spannend, aber auch herausfordernd.
Arbeitest du in einem Team?
Bei der Kontrolle von Betrieben im Bereich Chemikalien bin ich meist allein unterwegs. Teilweise werde ich aber auch auf Inspektionen begleitet, zum Beispiel im Rahmen interner Audits, welche der Qualitätssicherung dienen. Ausserdem unterstütze ich die Kollegen in meiner Abteilung bei den Badewasserkontrollen. Da es hier gewisse Überschneidungen zwischen dem Lebensmittel- und dem Chemikalienrecht gibt, resultiert dann automatisch eine Zusammenarbeit.
Was sind deine Hauptaufgaben bei uns im ALT?
Als Chemikalieninspektor kontrolliere ich Betriebe, die Chemikalien herstellen oder importieren, mit diesen handeln oder diese verwenden. Beispielsweise unterliegen chemische Produkte, von welchen bestimmte Gefahren ausgehen, Abgabebeschränkungen, die eingehalten werden müssen. Daneben prüfe ich auch die Rechtskonformität von Produkten, etwa ob die Verpackung und Kennzeichnung den Anforderungen entsprechen, oder ob erforderliche Zulassungen vorhanden sind. Wie bereits erwähnt, unterstütze ich zudem vor allem in den Wintermonaten meine Abteilungskollegen bei den Badewasserkontrollen. Des Weiteren ist unsere Abteilung beratend als Erstanlaufstelle zu den Themen Radon und Wohngifte (z. B. Asbest) tätig.
Bist du in deiner Funktion viel am Schreibtisch oder eher draussen in den Betrieben?
Beides. Bei den Betriebskontrollen ist man viel unterwegs. Andererseits müssen die Kontrollen auch entsprechend vorbereitet und nach der Durchführung aufgearbeitet werden. Zu jeder Kontrolle wird zudem ein Bericht erstellt, welcher natürlich im Büro verfasst wird. Die Produktbeurteilungen von Chemikalien sind auch eher bürolastig.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag von dir aus – und wie oft ist er tatsächlich «typisch»?
Zu Beginn des Arbeitstagstages kontrolliere ich mein E-Mail-Postfach. Oft gibt es Rückmeldungen oder Fragen zu Kontrollen, welche ich durchgeführt habe. Ausserdem erhalten wir regelmässig Anfragen von Firmen oder Privatpersonen zu den Themen Chemikalien, Radon und Wohngifte. Diese sollten möglichst zeitnah bearbeitet werden, um innert einer vernünftigen Frist eine Rückmeldung zu geben. Anschliessend gehe ich der Arbeit nach, welche ich für diesen Tag geplant habe, das heisst, ich gehe auf eine Inspektion oder bereite Kontrollen vor oder nach. Die Vorbereitung beinhaltet etwa das Studium der Betriebshistorie, die Prüfung verschiedener Datenbanken oder auch von Online-Shops, soweit vorhanden. Bei Badewasserkontrollen werden oft auch Laborproben erhoben, was ebenfalls eine gewisse Vorbereitung erfordert. Während der Abwesenheit fallen oft neue Pendenzen an, welche bearbeitet werden müssen. Zudem steht nach der Rückkehr ins Büro die Nachbearbeitung der Kontrolle an. Trotz eines groben Tagesplanes, welchen ich mir zurechtlege, kommt es immer wieder zu spontanen Änderungen, und Flexibilität ist gefragt. Das macht die Arbeit abwechslungsreich und interessant.
Gibt es ein Erlebnis, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist – vielleicht, weil es schwierig war oder besonders gut gelang?
Wie in jedem anderen Beruf gibt es auch hier von Zeit zu Zeit schwierige Situationen. Diese können sachlich begründet, etwa bei der Bewertung eines Produktes, oder auch einmal menschlicher Natur sein. Bei jeder Kontrolle habe ich mit Menschen zu tun. Deshalb läuft jede Kontrolle anders ab und ich muss mich der Situation vor Ort anpassen. Besonders wichtig ist mir ein offener und ehrlicher Umgang mit meinem Gegenüber.
Arbeitest du mit anderen Fachstellen zusammen, etwa Arbeitsinspektorat, Umweltbehörden oder Gesundheitsschutz?
Ich arbeite zwar oft für mich selbst, aber es gibt dennoch viele Berührungspunkte mit anderen Fachgebieten wie dem Lebensmittelrecht. Ausserdem gibt es einen regelmässigen Austausch in Fachgremien sowie mit anderen Kantonen und den Bundesstellen.
Wer sind denn eigentlich eure Kunden und welche Arten von Betrieben kontrollierst du am häufigsten?
Das ist wirklich sehr vielfältig und reicht vom Kleinhändler über Baumärkte, Drogerien und Apotheken bis hin zu industriellen Herstellern oder Grossimporteuren. Hier liegt auch der Schwerpunkt der Kontrollen. Stellenweise werden aber berufliche Verwender von Chemikalien kontrolliert, zum Beispiel Schädlingsbekämpfer.
Was wünscht du dir von Betrieben, bevor du zur nächsten Inspektion erscheinst – welche «Hausaufgaben» sollten alle gemacht haben?
Idealerweise wissen die Betriebe, dass sie dem Chemikalienrecht unterstehen und welche Pflichten damit verbunden sind. Werden diese Pflichten wahrgenommen, sind die Hausaufgaben gemacht. Bei der Kontrolle selbst ist es vorteilhaft, wenn die Betriebe aktiv und offen mitwirken. Eine konstruktive Zusammenarbeit macht die Inspektion für beide Seiten effizienter und hilft bei Problemlösungen und der Beseitigung von Mängeln.

Trends, Zukunft, Herausforderungen
Welche aktuellen Entwicklungen bei Chemikalien oder neuen Technologien beschäftigen dich besonders (z. B. Nanomaterialien, neue Biozide, …)?
Da das Chemikalienrecht sehr dynamisch ist und die Rechtstexte oft angepasst werden, ist es grundsätzlich anspruchsvoll und wichtig, das eigene Fachwissen immer auf dem neuesten Stand zu halten. Wie in vielen anderen Gebieten stellt sich auch beim Chemikalienrecht die Frage, ob und wie der rasante Fortschritt der Digitalisierung, Stichwort KI, zukünftig in dessen praktischer Umsetzung, aber auch im Vollzug seinen Platz findet.
Wo siehst du die grössten Herausforderungen für die Chemikalienaufsicht in den nächsten 5–10 Jahren?
Grosse Herausforderungen im Bereich Chemikalien, welche uns in den nächsten Jahren beschäftigen werden, sehe ich den Themen PFAS, Mikroplastik und Pflanzenschutzmittel. Diese sind bereits heute medial präsent.
Ein herzliches Dankeschön an Marco für dieses offene und spannende Gespräch. Es war sehr interessant, Einblicke in deine Tätigkeiten zu erhalten und über Erfahrungen zu hören – sie machen nicht nur den Jahresbericht lebendiger, sondern zeigen auch auf, wie facettenreich Tätigkeiten im ALT sind. Ich wünsche dir weiterhin viel Freude und Erfolg in allem, was du tust!
